21.04.2021
LeinakanalLandgraf BalthasarWerkmeister ConradusFlößgrabenDenkmalschutzpreis

Von Wolfgang Möller

Mein (ur-)alter Schlingel

Der kleine Leinakanal hat eine starke Lobby

Seitdem ich im Kreis Gotha wohne, hat er mich begleitet. Wo er beginnt, habe ich gebadet. An einer Furt verstärkt ihn sein großer Bruder. Auf einer Bergwiese schmiegt er sich an die Höhenlinie an. Er überquerte eine Verkehrsader, heute wird er dort in einen Düker gezwängt. Im Garten an einer Mühle war er in meiner Nähe. Ich keschere Wasserflöhe und beobachte Bisamratten, Elritzen und Prachtlibellen. Am Schlossberg läuft er in Kaskaden und verschwindet dann unterirdisch.

Einen alten Schlingel nenne ich ihn, meinen fließenden Freund, den Leinakanal. 

Das alte Aquädukt an der Eisenbahnstrecke zwischen Sundhausen und Leina FOTO: WOLFGANG MÖLLER
Das alte Aquädukt an der Eisenbahnstrecke zwischen Sundhausen und Leina FOTO: WOLFGANG MÖLLER

Mit 650 Jahren ist er schon uralt. Der Thüringer Landgraf Balthasar ließ den Kunstgraben von 1366 bis 1369 anlegen, weil die Burg Grimmenstein und die hochgelegene Stadt Gotha ständig unter Wassermangel litten. Der Erbauer war vermutlich sein Werkmeister Conradus, der auch den Helbekanal in Weißensee geschaffen hatte. Mit wachsender Bevölkerungszahl stieg die Bedeutung des Lebensmittels Nummer eins. So wurde das Wasser für Haus, Garten und Feld sowie Handwerk und Gewerbe, für Feuerlöschzwecke, als Aufschlagswasser der Mühlen sowie zum Füllen der Stadtgräben benötigt. Zur Trinkwassergewinnung wurde der Kanal noch bis 1920 genutzt.

Zu Baubeginn leitete man das Wasser der Wilden Leina in Höhe des heutigen Schwimmbades bei Schönau v. d. W. in ein künstliches Grabenbett. Dieser Kleine Leinakanal schlängelt sich oft in großen Kehren an den Vorbergen des Thüringer Waldes entlang.

Scheitholz aus dem Thüringer Wald bis nach Gotha geflößt
In Emleben stößt der 1653 errichtete Flößgraben hinzu, der am Georgenthaler Teiler von der Apfelstädt abgezweigt wird. Das Kunstgewässer entstand unter Herzog Ernst dem Frommen und seinem Forstmeister David Schmidt. Mit der Entnahme von einem Achtel Apfelstädt-Wasser und nach der Erweiterung 1709/10 unter Herzog Friedrich II. verstärkte er die Wasserzufuhr des Leinakanals erheblich. Ab Emleben bekommt er dann seinen Namen. Bis zum Bau der Eisenbahnlinie Berlin-Frankfurt/Main 1845 konnte sogar Scheitholz aus dem Thüringer Wald bis nach Gotha auf dem Gewässerverbund geflößt werden.

Der Flößgraben überwindet bei Petriroda die Wasserscheide Elbe-Weser. Zwischen Leina und Sundhausen kreuzt der Leinakanal die Bahnstrecke. Dort fließt er über eine Natursteingewölbebrücke - das 1847 fertiggestellte, denkmalgeschützte Aquädukt. Weitere interessante Abschnitte sind dann in Gotha der Marstall, die Alte Münze, die Parkteiche und die 1895 von Hugo Mairich erbaute Wasserkunst mit ihrer historischen Pumpanlage im Lucas-Cranach-Haus. Die Wasserkunst wurde auf dem Gelände der abgerissenen Bergmühle und nach dem Vorbild der großen Kaskade in Kassel-Wilhelmshöhe als touristische Sehenswürdigkeit errichtet. In ein paar Tagen ist sie Außenstandort der Buga.

Der Leinakanal ist nur ein kleines Fließgewässer II. Ordnung in der Region. Und doch hat er jahrhundertelang das Leben vieler Menschen beeinflusst und sie wegen der bautechnischen Meisterleistung beeindruckt, so wie mich. Sein langsam dahinfließendes Wasser mit einem Gefälle von 2,3 Promille (2,3 Zentimeter auf 100 Meter) verbindet harmonisch die Landschaft, die Dörfer und die Kreisstadt. Quer durch die wechselvolle Geschichte und quer durch die Fluren geht sein Verlauf. Deshalb ziert seit 1991 eine silberne Wellenlinie das Landkreiswappen. 1978 wurde der Leinakanal in die Liste der technischen Denkmale der DDR aufgenommen. Während der Restaurierung der 100-jährigen Gothaer Wasserkunst im Jahre 1995 rückte er verstärkt in mein Blickfeld. Beim Gothardusfest Anfang Mai werden die Wasserspiele nach der Winterruhe angefahren. St. Gothardus und Balthasar streiten dann immer, wer für die Herkunft des Wassers zuständig ist.

Als Arbeitskreis bei der Urania hatten sich die Schlingelfreunde das Ziel gesetzt, mit Publikationen und Veranstaltungen etwas für die Erhaltung des künstlichen Fließgewässersystems zu unternehmen. Der 2006 gegründete, eigenständige Freundeskreis setzt diese Arbeit erfolgreich fort. Im Keller des Lucas-Cranach-Hauses am oberen Hauptmarkt laden die Pumpe und eine kleine Dauerausstellung zum Besuch ein.

Die 25 Vereinsmitglieder sind in ihrer 25-jährigen, ehrenamtlichen Tätigkeit mit Führungen, Vorträgen und vor allem mit Druckschriften zu Lobbyisten für den (ur-)alten Schlingel geworden. 2019 gab es eine große Geburtstagsparty: 2020 wurde dem Verein der Thüringische Denkmalschutzpreis verliehen.