Wasser ist Leben
Die erste urkundliche Erwähnung der kleinen Ansiedlung „villa Gothaha“ fiel in die Zeit des Frankenkönigs Karl. Sie lag an der wichtigen Ost-West- Handelsverbindung, der via regia oder Königsstraße und wurde über das heutige Wiegwasser mit dem wichtigen Lebensmittel versorgt. Seit Mitte des 12. Jahrhunderts entstand vermutlich auf der Allmende, dem gemeinsamen Weideland der Gothaer, die gegründete Stadt. Im Auftrag des Landgrafen wurde ein großes Areal abgesteckt und mit einer hohen Umfriedung aus Holz, später mit einer Mauer geschützt. In der Mitte befand sich der Marktplatz, von dem in westlicher und östlicher Richtung Straßen markiert wurden. Noch heute weist das gitterartige Schema der Straßenführung auf diese Gründung hin. Nachteilig für das junge Gemeinwesen war jedoch, dass sich die bescheidenen Wasserläufe mit ihren Mühlen, außerhalb der ummauerten Stadt befanden. Einen schweren Rückschlag erlitten die Gothaer, als 1207 ein furchtbarer Brand ausbrach und ihre Häuser – aus Holz, Lehm und Stroh gebaut – zum Opfer fielen.
Ob für den täglichen Bedarf, für ihr Gewerbe oder zum Feuerlöschen – die Bewohner waren nur auf Wasser aus Schöpfbrunnen angewiesen. Deshalb war es ein bedeutender Fortschritt, als unter Landgraf Balthasar (regierte von 1349 bis 1406) im Jahre 1369 Wasser der Leina bei Schönau v.d.W. in einem kleinen Graben abgezweigt und über knapp 30 km nach Gotha geleitet wurde. Diese großartige vermessungstechnische Leistung eines geringen und gleichmäßigen Gefälles wird seinem Werkmeister Conradus zugeschrieben. Alle arbeitsfähigen Landesbewohner – außer dem Adel – hatten am Kanalbau in Fronarbeit ihren Beitrag zu leisten. Zum Kanal gehörte beiderseits der Ufer eine Schaufelwurfbreite Land, um bei den halbjährlichen Reinigungsarbeiten (Leinafege) den Schlamm ablagern zu können. Seine Erbauer waren von Anbeginn mit dem Problem konfrontiert, dass das Kanalwasser im karstigen Untergrund versickerte und ständig mit Lehm, Wurzelballen und anderen Materialien das Bett abgedichtet werden musste.


Das Wasser des Leinakanals wirkte sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung von Gotha aus. Neben der Wasserversorgung war die Ausnutzung der Wasserkraft von Bedeutung. Gerber, Mahl-, Schneide- und Schleifmühlen wurden ansässig; auch das Bierbrauen konnte sich erst seit dieser Zeit entfalten. Bisher befanden sich die Mühlen außerhalb der befestigten Stadt. Nun wurde es möglich, eine Getreidemühle innerhalb des Mauerringes, die Bergmühle, zu betreiben, die vor allem in Kriegszeiten für die Gothaer wichtig war. Das Wasser des Kanals diente zunächst auch als Trinkwasser, doch schon im 16. Jahrhundert konnte es nur noch als Brauchwasser verwendet werden und führte allen Unrat aus der Stadt hinaus.
In den Jahren 1545, 1632 und 1646 zerstörten wiederum schwere Brände die Residenzstadt. Es herrschte akuter Wassermangel bei steigender Bevölkerungszahl. Nach Gründung des Herzogtums Sachsen-Gotha ließ Herzog Ernst I., genannt der Fromme (regierte 1640-1675), 1653 durch seinen Forstmeister David Schmidt den Flößgraben von Georgenthal nach Emleben bauen. Durch den höheren Wasserstand konnten kurze Baumstücke aus dem Thüringer Wald nach Gotha geflößt, bzw. geschwemmt werden. Mit dem Bau des Aquädukts über die Eisenbahnlinie Berlin – Frankfurt/M. kam die Scheitholzflößerei 1847 zum Erliegen.
Durch den Bau von Talsperren und die moderne Trinkwasserversorgung ging die Bedeutung des Leinakanals zurück. Heute füllt sein Wasser noch immer die Gothaer Parkteiche und die Wasserkunst auf dem Schlossberg, die 1895 auf dem Grund der abgerissenen Bergmühle erbaut wurde. 1978 wurde der Leinakanal in die Liste der technischen Denkmale aufgenommen. Das 1991 geschaffene Wappen des Landkreises Gotha enthält eine silberne Wellenlinie als stilisiertes Abbild des Leinakanals. Das Grabensystem schlängelt sich als grünes Band durch die Fluren des Gothaer Landes. Es dient vielen Tieren und Pflanzen als Lebensraum, Wanderern und Erholungssuchenden als lohnendes Ausflugsziel.