Leitungswasser statt Leinakanal – Gotha verabschiedet sich von seiner Geschichte
Gotha. Post an die Redaktion: Ein Leser sieht eine Tradition still und leise sterben und kritisiert das „kurze Gedächtnis“ der Lokalpolitik.
Ein Kommentar von unseren Lesern, TA vom 14.07.2026
www.thueringer-allgemeine.de/gotha

Was als eine pragmatische Lösung erscheint, sieht unser Leser Jens Seeber aus Leina als den nächsten Schritt in einer langen Geschichte des bequemen Vergessens und nimmt Bezug auf unseren Artikel „Frisches Wasser für ein altes Gothaer Wahrzeichen“ (diese Zeitung am 9. Juli):
Irgendwie war ich nicht überrascht, als ich am 9. Juli aus der Tageszeitung erfuhr, dass die Wasserkunst zukünftig separat aus einem Wasserbecken gespeist werden soll. Es ist natürlich billiger, das Wasser, welches über einen kunstvollen Bau in Richtung Hauptmarkt fließt, im Kreis zu pumpen, anstatt permanent daran erinnert zu werden, dass Gotha auch eine Verpflichtung zum Erhalt des Leinakanals besitzt.
Da heutzutage kaum noch von Ehre oder Moral geredet wird, ist dieser Schritt der einfachste. Das auswärtige Volk merkt es ohnehin nicht, ob Leinakanalwasser oder Leitungswasser über die Wasserkunst fließt, und die Tafel unterhalb derselben liest auch kaum jemand. Man muss dann bei den Stadtführungen die Geschichte nur noch umdeuten und in 30 Jahren spricht niemand mehr über das Ganze.

Es erinnert mich auch an meinen Heimatort Leina. Dort wurde wissentlich Anfang der 1990er-Jahre der Heilige Brunnen durch Kiesabbau zerstört und die Laufbrunnen, welche seit 1000 Jahren (!) den Ort mit Trinkwasser versorgten, trockengelegt. Die Verantwortlichen zogen sich mit fadenscheinigen Begründungen aus der Affäre, und um den Frieden zu wahren, wurden die Brunnen mit einer elektrischen Pumpe aus einer völlig anderen Quelle betrieben.
Jetzt ist die Pumpe mal wieder defekt und die Brunnen sind ohne Funktion . . .
Auch hier galt: Verkauft das Volk einige Zeit für dumm und irgendwann kennt es niemand mehr anders. Moral und Ehre sind schon lange aus dem Gewissen der Lokalpolitik verbannt.