Dirk Bernkopf (Text und Fotos), in Gothaer Allgemeine
Leinakanal-Aquädukt braucht dringend einen Besitzer




Gotha. Die Werke römischer Baukunst sind europaweit geschätzt. Touristen und Politiker posieren gern vor dem Trevi-Brunnen in Rom, der über einen Aquädukt, den Acqua Vergine, gespeist wird. Auch Gotha hat einen Aquädukt zu bieten, doch vor diesem posiert man nicht, man streitet vielmehr darüber, wem das sanierungsbedürftige Bauwerk überhaupt gehört.

„Besuchen Sie das Aquädukt, solange es noch steht!", kommentiert Wolfgang Möller, stellvertretender Vorsitzender des Freundeskreises Leinakanal, die derzeitige Situation mit einer Portion Sarkasmus.
Solange Züge die dreiteilige Gewölbebrücke unterfuhren, die Zuständigkeiten geklärt. Bis 1955 stand die Deutsche Reichsbahn in der Verantwortung. Im Februar 1955 übergab man das Bauwerk der Wasserwirtschaftsdirektion Eisenach. Nach der Wende wurde nach bundesdeutschem Recht die Deutsche Reichsbahn wieder Eigentümerin von Grund und Bauwerk. Allerdings lehnte die Deutsche Bundesbahn als deren Rechtsnachfolgerin stets ab, nach der Stilllegung der Strecke unter dem Aquädukt weiter in dessen Erhalt zu investieren.


Aus Sicht der Bahn ist die Stadt Gotha der Verantwortung, schließlich steht das Aquädukt auf dem Boden des Ortsteiles Sundhausen. Mit Förderung des Landesamtes für Denkmalpflege ließ die Stadt Gotha Ende 2002 eine Edelstahlwanne als Kanalbett in die Brücke einbauen und die Kanalwände mit Verblendmauerwerk sanieren. Schon der damalige Oberbürgermeister Volker Doenitz (SPD) betonte, dass diese Arbeiten keine Anerkenntnis jeglicher rechtlicher Verpflichtungen seien. Doenitz bat damals Bahnchef Hartmut Mehdorn sich ebenfalls um die Erhaltung des Bauwerkes bemühen und schickte als symbolische Geste eine Flaschenpost nach Berlin.
Viel passiert ist bis heute nicht. Im Jahr 2019 gründet sich aus dem Freundeskreis Leinakanal heraus eine Arbeitsgruppe „Aquädukt", um das 175-jährige Bestehen des Bauwerkes im Jahr 2020 vorzubereiten. "Dann wurden wir von Corona ausgebremst und mussten unsere Aktivitäten bis 2023 aussetzen", schildert Wolfgang Möller.
Im vergangenen Jahr gelingt es, Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke)| einzuladen. Auf seiner Sommertour besichtigt er das Aquädukt am 11. Juli 2023. Ebenfalls eingeladene Vertreter der Bahn AG bleiben dem Treffen ohne Angabe von Gründen fern. Bert Schwachheim, Geschäftsführer des Gewässerunterhaltungsverbandes Hörsel/Nesse, beklagte, dass das ignorante Verhalten der Deutschen Bahn AG wesentlich zum Verschleppen der offenen Eigentumsverhältnisse beitrage. Der Gewässerunterhaltungsverband zeichnet für Pflege- und Reinigungsmaßnahmen entlang des Kanals verantwortlich. Der Erhalt von Bauwerken zählt nicht zu den Aufgabenbereichen.
Ramelow schlug bei dem Treffen vor, die betreffenden Verantwortungsträger auf ihre Pflichten hinzuweisen, besonders für den Fall, wenn eine Gefährdung vom Bauwerk ausgehen sollte.
Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Am Dienstagvormittag statten Wolfgang Möller und Hans-Georg Kühm vom Vorstand des Freundeskreises Leinakanal dem Aquädukt einen Besuch ab und laufen über die Brücke. Das stark beschädigte Geländer neigt sich schon stark in Richtung Abgrund. Einige Segmente wurden bereits vor Jahrzehnten gestohlen.
Seit einigen Tagen fließt wieder Wasser durch das Bett des Leinakanals, nachdem er zum Zwecke der Biber-Vergramung für wenige Wochen trocken gelegt wurde. Schon am Übergang zwischen Kanal und Edelstahlwanne ist ein kleiner Schaden erkennbar: Dichtmasse hängt aus einer Fuge heraus, das Wasser kann in das Mauerwerk eindringen. "Solche Kleinigkeiten müssen zügig repariert werden", fordert Hans-Georg Kühm.
Anschließend laufen die beiden Leinakanalfreunde unter dem Aquädukt hindurch. Die Natur hat sich die ehemalige Bahntrasse zurückerobert, überall bilden sich groBe Pfützen. „Die Durchnässung des Untergrundes ist ein großes Problem", erklärt Möller. Die noch vorhandene Drainage des Untergrundes funktioniert nicht mehr, die Kanäle sind verstopft. Seit längerer Zeit neigt und verschiebt sich das Bauwerk um mehrere Millimeter in verschiedene Richtungen.
Die Freunde des Leinakanals setzen darauf, dass sich zukünftig nicht nur Denkmalfreunde und Wanderer für das Bauwerk interessieren, sondern, dass das Aquädukt endlich einen Besitzer findet, der sich um dessen langfristige Erhaltung kümmert.

Historie: Aquädukt und Leinakanal
Seit 1369 versorgt der Leinakanal versorgte die Stadt Gotha mit Trink-, Brauch- und Löschwasser. Noch heute füllt sein Wasser die Gothaer Parkteiche und lässt die Wasserkunst am Hauptmarkt sprudeln.
1845 wurde mit dem Bau des Aquädukts begonnen. Das nach Entwürfen des Meisterarchitekten Schinkel entstandene Bauwerk diente dazu, den Leinakanal über die in den 1840er-Jahren neu entstehende Bahnstrecke zu führen.
1978: Der Leinakanal, der Flößgraben und sämtliche dazugehörigen Bauwerke werden in die Liste der technischen Denkmale der DDR aufgenommen.
1991: Aufnahme des Leinakanals in das offizielle Wappen des Landkreises Gotha.
2006: Gründung des Vereins Freundeskreis Leinakanal.
2020: Jubiläum 175 Jahre Aquädukt.
