18.08.2021
Ehrenmitglied_FKL

Von Wolfgang Möller

Die kleine Frau mit dem weißen Hütchen

Foto: Diese Aufnahme von Brigitte-Karola Liebs entstand genau vor 17 Jahren, am 18. August 2003. FOTO: WOLFGANG MÖLLER

Erfurt. Beim Freundeskreis Leinakanal Gotha ist sie Ehrenmitglied. Die „Schlingelfreunde" nennen sie liebevoll „Karölchen". Ebenso die Naturfreunde vom Nabu und zahlreiche andere Gothaer Vereine, in denen Brigitte-Karola Liebs gewirkt hat. Dort hatte sich die agile, kleine Frau über viele Jahrzehnte mit Sachverstand, Tatkraft und Geldspenden eingebracht. Seit 2012 lebt sie betreut und umsorgt im städtischen Alten- und Pflegeheim Pestalozzistraße.

Brigitte-Karola kann auf eine ereignisreiche Vita zurückblicken. Sie wohnte seit 1945 zusammen mit Hanna Brier, der Groß-Cousine des  utopischen Schriftstellers Kurd Laßwitz, im gleichen Haus und pflegte sie bis zu ihrem Tod. Die rastlose Natur- und Heimatfreundin hatte in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Z e h n t a u s e n d DDR-Mark beziehungsweise D-Mark und Euro für Natur-, Kunst- und Architekturprojekte gespendet (Löffler-haus, Friedrichskirche, Döll-Säulen, Laßwitz-Objekte).

2004 wurde Liebs für ihre Verdienste zur Kultur und Geschichte Gothas sowie zur Aufarbeitung des Nachlasses von Kurd Laßwitz mit der Myconiusmedaille geehrt. Diese ist nach der Verleihung des Ehrenbürgerrechts die höchste Auszeichnung der Stadt Gotha. Für ihr ehrenamtliches Engagement in verschiedenen Vereinen erhielt sie bereits 1996 das Bundesverdienstkreuz.

 Legendär sind ihre Sammelaktionen in Gotha, wobei sie immer ein weißes Hütchen trug. Sie hatte sich die Verpflichtung auferlegt, drei Mal wöchentlich das Parkgelände von Flaschen, Papier und Unrat zu säubern. Von 1973 bis 1980 sammelte sie etwa 10.000 Flaschen und gab den Erlös einer armen Rentnerin, welche damit ihre Wohnung renovieren konnte.

Nach der Wende nahm die Flut des Verpackungsmülls schlagartig zu, und sie musste nun täglich in den Park gehen. Dann bekam sie auch die Randerscheinungen der neuen Gesellschaft zu spüren. Sie wurde mehrfach beschimpft, mit dem Fahrrad terrorisiert und angespuckt. Einmal wurde sie sogar überfallen und verletzt.

Auf die Frage, ob sie angesichts solcher Vorkommnisse nicht manchmal den Mut verliert, antwortete sie: „Ach wissen Sie, ich bin Umsiedlerin aus Königsberg. Im Krieg und in der Nachkriegszeit habe ich viel schlimmere Dinge erlebt. Dagegen sind die Übergriffe von jugendlichen Parkbesuchern gar nichts. Solange mich meine beiden Beinchen tragen, bleibe ich meiner Selbstverpflichtung treu." Brigitte-Karola Liebs - die kleine Gothaerin mit dem großem Herzen - kann mit Stolz auf ein erfülltes Leben zurückblicken.