von Sven-Uwe Völker, Thüringer Allgemeine, Redakteur in Gotha
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Einfach abschalten? – Brauchen wir den Leinakanal im Kreis Gotha noch?
Landkreis Gotha. In Gotha fehlt Wasser. Also wird der Leinakanal gegraben. Das ist 650 Jahre her. Längst liefern Talsperren das Trinkwasser. Weshalb müht man sich bis heute mit diesem Kanal?

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Punkt null. An dieser Stelle bei Schönau vor dem Walde beginnt der Leinakanal. Wie das geschieht? Es wird einfach Wasser aus der Wilden Leina abgezweigt. © Funke Medien Thüringen | Sven-Uwe Völker
----------------------------------------Gotha ist eine von wenigen Städten in Thüringen, die im Mittelalter gegründet wurden und nicht an einem Fluss liegen. Das war ein grober Planungsfehler. Die Stadt bezahlt im Grunde bis heute dafür. Weil Trinkwasser knapp war, ließ Landgraf Balthasar von 1366 bis 1369 den Leinakanal anlegen. Es muss für die Untertanen eine furchtbare Schufterei gewesen sein. Das knapp 30 Kilometer lange, künstliche Grabensystem besteht bis in unsere Zeit.
Provokante Frage: Sollte man 650 Jahre später diesen Kanal einfach stilllegen? Was nützt er noch? Pflege und Bewirtschaftung machen Aufwand: personell, finanziell und materiell. Kein Gothaer trinkt mehr einen Tropfen Wasser aus diesem Kanal.
Talsperre bei Luisenthal stillt Gothas Durst
Das Wasser für die Stadtbewohner stammt zum allergrößten Teil aus der Ohratalsperre. Aus diesem Reservoir nahe Luisenthal deckt die Stadt rund drei Viertel ihres Bedarfs, heißt es seitens des Wasser- und Abwasserzweckverbands Gotha und Landkreisgemeinden (WAG). Den Rest fördern Quellen im Mittelwassergrund bei Tambach-Dietharz sowie nahe Winterstein, Schwarzhausen und Bad Tabarz.

Das 1845 beim Bau der Bahnstrecke zwischen Gotha und Eisenach errichtete Aquädukt. Die heikle Frage lautet: Wer ist für dieses Bauwerk verantwortlich, ohne das der Kanal unterbrochen würde? © Funke Medien Thüringen | Sven-Uwe Völker
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Ins Gerede geriet der Leinakanal unlängst wieder, als Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) sagte: „Wir wehren uns, hier den Doofen zu spielen.“ Es geht um das Aquädukt. Dieses problematische Bauwerk steht auf halber Strecke zwischen Sundhausen und Leina mitten in der Landschaft.
Kanal bindet 20 Prozent der Arbeitskraft
Über diese Brücke führt keine Straße, kein Radweg, sondern eine breite Rinne. Darin fließt das Wasser des Leinakanals nach Gotha. Wer für den baulichen Erhalt des Aquädukts verantwortlich ist, darum wird vor Gericht gestritten. Kurz gesagt: Niemand möchte es sein. Die Stadt nicht, das Land nicht, die Deutsche Bahn nicht. Ohne Aquädukt wäre der Leinakanal aber unterbrochen.
Für den Kanal zuständig ist der Gewässerunterhaltungsverband (GUV) Hörsel/Nesse. Wir treffen uns mit Verbandsingenieurin Janina Weißleder und Geschäftsführer Bert Schwachheim. „Unsere Mannschaft ist im Schnitt einen Tag pro Woche mit dem Kanal beschäftigt“, sagt Ingenieurin Weißleder. Die Mannschaft besteht aus einem Meister und sechs Flussarbeitern.

Bert Schwachheim ist Chef des Gewässerunterhaltungsverbands Hörsel/Nesse. © Funke Medien Thüringen | Sven-Uwe Völker
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Etwas mehr als 1000 Arbeitsstunden pro Jahr
Übers Jahr gerechnet, kamen laut GUV 2025 rund 1000 Arbeitsstunden zusammen, dazu noch etliches an Verwaltung. Pi mal Daumen wären das 80.000 Euro Personalkosten. Hinzuzurechnen sind Material und Technik. Allerdings habe sich die finanzielle Situation verbessert. Seit vorigem Jahr stellt das Land Thüringen für den Kanal 200.000 Euro im Jahr bereit. Das klinge viel, sagt Weißleder. Bei rund 40 Kilometer Strecke, die das Gesamtsystem umfasse, blieben 5000 Euro pro Kilometer übrig. „Weit kommt man damit nicht.“

An der Weißen Brücke, rund 2,5 Kilometer von Gospiteroda, ist der Kanal schon rund zwei Meter breit. © Funke Medien Thüringen | Sven-Uwe Völker
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Einige wenige Fischteiche und Gothas Wasserkunst
Welche echte Versorgungsaufgabe besitzt der Kanal noch? Er speist die Hambacher Teiche bei Emleben. Der Flößgraben ist Teil des Leinakanalsystems und befüllt einen Fischteich bei Petriroda. Und im Park von Schloss Friedenstein in Gotha wären die beiden Teiche trocken ohne Leinakanal.
In früheren Jahrhunderten transportierte man ab Georgenthal über den Flößgraben und den Leinakanal Brennholz nach Gotha. In Zeiten von Wärmepumpen ist das kein Argument mehr.

Janina Weißleder ist Ingenieurin beim Gewässerunterhaltungsverband. © Funke Medien Thüringen | Sven-Uwe Völker
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Bleibt die Wasserkunst auf dem Hauptmarkt in Gotha. Ihre Brunnen werden durch Leinakanalwasser gespeist.
In Emleben und Sundhausen bestehen laut GUV zwei Mühlen, in denen elektrischer Strom durch Wasserkraft erzeugt wird.
Rechtfertigt dies den Unterhalt des Kanalsystems?

Eine Brücke markiert den Kanalbeginn bei Schönau. Der unscheinbare Schieber rechts erlaubt den Wasserzufluss in den Leinakanal. © Funke Medien Thüringen | Sven-Uwe Völker
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Der Leinakanal selbst hat zwei Quellströme
Der Leinakanal selbst wird durch zwei natürliche Wasseradern gespeist, die aus dem Thüringer Wald kommen. Zum einen wird oberhalb von Schönau vor dem Walde Wasser aus der Wilden Leina abgezweigt. Der zweite „Quellstrom“ ist der Flößgraben. Dieser ist ebenfalls künstlich angelegt und entnimmt nahe Georgenthal Wasser aus dem Fluss Apfelstädt.
Die Apfelstädt leidet flussabwärts häufig an Niedrigwasser. Würde sich diese Situation bessern, wenn kein Wasser für den Leinakanal abgezweigt würde? Auf diese Frage schüttelt GUV-Chef Schwachheim den Kopf. Das glaube er nicht, dazu seien die entnommenen Wassermengen zu gering.
Biberbauten ändern die Spielregeln am Kanal
Über die Jahrhunderte ist der Kanal zu einem Lebensraum geworden. Mit seinen baumgesäumten Ufern durchbreche er die Agrarlandschaft, beschreibt Janina Weißleder.
„Wasser zieht Leben an“, sagt Bert Schwachheim. Seit einigen Jahren besonders die Biber. Wie viele es sind, lasse sich schwer sagen. Am Flößgraben gebe es vier bis fünf Biberreviere, am Leinakanal seien es weitere vier bis fünf. Das mache durchaus Probleme. Denn die Biber greifen mit ihren Burgen und Staudämmen eigenmächtig in das ein, was der Mensch sonst in seinem Sinne reguliert.
Neue Bahntrasse lässt das Aquädukt links liegen
Bei alledem bleibt: Kernproblem ist das Aquädukt. Es wurde 1845 erbaut, damit der Kanal die damals neue Eisenbahntrasse zwischen Gotha und Eisenach überqueren konnte. Als Mitte der 1990er-Jahre die ICE-Trasse in die Landschaft gefräst wurde, verlegte man ihren Verlauf etwa 30 Meter nach Norden und umging somit das Aquädukt. Das Leinakanalwasser stürzt seither direkt hinter dem Aquädukt kontrolliert mehrere Meter in die Tiefe, strömt unter den Bahngleisen in einem Düker auf die andere Seite, steigt empor und fließt im alten Kanalbett weiter nach Gotha.
Derweil verschlechtert sich der Zustand des Aquädukts. Es deutet viel darauf hin, dass die Fließrinne undicht ist, denn in den Gewölben der „Wasserbrücke“ gibt es unverkennbare Nässeschäden. Außerdem versumpft das Gelände zu Füßen der Brückenpfeiler, seit dort wegen der umverlegten Bahntrasse keine Entwässerung mehr stattfindet. Es bestehen Befürchtungen, die Standfestigkeit des Aquädukts könnte auf längere Sicht gefährdet sein.
Hat der Leinakanal also eine Zukunft?
Klare Meinung von Janina Weißleder: Der Kanal sei ein bauhistorisch wichtiges Zeugnis. „Wir wollen nicht die sein, die ihn abschaffen.“