Angetrieben vom Wasser des Leinakanals

GOTHAER ALLGEMEINE - Mittwoch, 24. Mai 2023

Sundhäuser Mühlenbetreiber sorgt mit Wasserkraft für sauberen Strom und trägt so mit zur Energiewende bei

Heiko Stasiulevics

Gotha. Reinhard Kehl aus Gotha erforscht seit Längerem die Geschichte der Mühlen in Gotha. Ein reichhaltiges Betätigungsfeld für den Hobby-Historiker, denn die Stadt verfügte um 1900 noch über neun Wassermühlen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nur noch drei: die Leinamühle an der Reinhardsbrunner Straße, die Bissingsmühle an der Breiten Gasse und dieKesselmühle am Kesselmühlenweg.
Jüngst führte es Kehl nach Sundhausen, um sich die dortige Mühle anzusehen und vom Mühlenbesitzer Karsten Görlitz über das Anwesen führen zu lassen. Auch wenn von der ursprünglichen Mühle nicht mehr viel erhalten ist, so lohnt sich doch ein kurzer Blick in ihre Vergangenheit und Gegenwart. Anno 1711 wurde die Mühle, getrieben vom Wasser des Leinakanals, errichtet. Generationen von Müllern verrichteten dort ihre Tätigkeit, mahlten und schroteten das Korn der Sundhäuser Bauern.

Seit dem Jahre 1900 besaß die Mühle außer den zwei Mühlrädern eine Turbine zur Stromerzeugung. Damals baute bei der Mühle die Maschinenfabrik Briegleb-Hansen & Co. aus der Südstraße auch eine Versuchsstation für ihre Turbinen. Die Firma galt als der bedeutendste Turbinenhersteller weltweit. Nur noch ein paar Grundmauern von der einstigen Versuchsstation konnte Mühlenforscher Reinhard Kehl in Augenschein nehmen.

Erst als Mühle genutzt, später auch als Tischlerei
Bis in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein war die Mühle mit ihren zwei Mahlgängen in Betrieb. Später diente das Gebäude einer Tischlerei. „Die Besitzerfamilie, mit der Mormonen-Sekte verbandelt, verließ kurz vor der Wende das Land, wanderte in die USA aus" so Görlitz. Das alte Mühlengebäude war noch bis 1993 bewohnt, die Maschinen standen an Ort und Stelle. Danach verwaiste das Gebäude und die Maschinen wurden klammheimlich gestohlen.

Das Areal verfiel zusehends. Bis Anette und Karsten Görlitz das etwa 5600 Quadratmeter große Grundstück nebst Wasserrechten erwarben. Sie sanierten das Wohnhaus, schufen drei Wohnungen. „Es war eine Wahnsinnsarbeit", erinnert sich der Eigentümer. Rund 20 Tonnen Müll mussten erst einmal beseitigt werden - Jugendliche hatten nämlich zwischenzeitlich von dem Anwesen Besitz ergriffen.

Mit Hilfe der Familie haben sich Anette und Karsten Görlitz eine kleine Idylle am Leinakanal geschaffen. Die Insel, zwischen ursprünglichem Kanal und dem Mühlgraben, ist zu einer grünen Oase geworden. In Eigenleistung haben sie den Mühlgraben wieder rekultiviert, den Wasserfall, wo früher das Mühlrad lief, saniert. Sogar ihren ursprünglichen Plan, selbst Elektrizität zu erzeugen, konnten sie inzwischen verwirklichen, trotz mancher Hindernisse.

In der Radstube dreht sich also wieder das Wasserrad. Den Strom nutzen sie selbst, und alles, was darüber hinaus produziert wird, speisen sie ins öffentliche Netz ein. Auf jeden Fall ergaben sich für Kehl viele Erkenntnisse, die irgendwann in einer Publikation münden sollen, an der auch der "Thüringer Mühlenpapst" Alfred Kirsten aus Erfurt beteiligt sein wird.